Melancholische Desperados

Die Band Los Santos um den Akkordeon-Virtuosen Stefan Hoss in der Flussmeisterei
Von Michael Peter Bluhm

Glutheiße Desperado-Songs aus Mexiko und melancholische Country-Lieder aus Texas sind die Spezialität der Band Los Santos. Dass der Akkordeon-König Stefan Hiss und seine Mannen noch weit mehr drauf haben, bewiesen sie bei ihrem traumhaft schönen Open-Air-Konzert im Biergarten der Flussmeisterei.

Vom Tequila-Händler zum Akkordeon-König

Der Schalk sitzt Hiss stets im Nacken, ob er musiziert, komponiert oder seine Künstlervita vorstellt: So sei er in Mexiko geboren, habe sich in jungen Jahren mit Tequila-Handel über Wasser gehalten und sei dann auf die „Quetsche“ umgestiegen, was das Risiko naturgemäß minderte, in einem Blutbad das Leben zu lassen. In Wirklichkeit ist Hiss ein waschechter Deutscher, aber das Liedgut entlang der unwegsamen Grenze zwischen Texas und Mexiko hat er buchstäblich mit der Muttermilch aufgesogen. Das erklärt die musikalische Perfektion des Country-Mannes, sei es als Sänger oder Akkordeon-Spieler.

Auf gleichem Niveau bewegen sich Winfried Wohlbold, der seine Steelguitar geradezu traumwandlerisch sicher spielt. Dem Schlagzeuger Bernd Öhlenschläger sagt Bandleader Hiss nach, er habe für die Trommeln das Fell der letzten überlebenden Seekuh von Orinoko verwendet. Natürlich habe der junge Joscha Brettschneider seine Rockabilly-Gitarre aus texanischem Hartholz geschnitzt, witzelte Hiss in der Flussmeisterei weiter – und wenn diese losgelassen wird, dann brenne die Luft.

Sogar der Zivildienst wird zum Song-Thema

Die Kompositionen von Stefan Hiss strotzen nur so vor Lust an Komik, sind Reminiszenzen an die eigene Vergangenheit: Über den Zivildienst erzählen sie ebenso wie über eine Reise in die Taiga. Natürlich darf im Repertoire das Lied „Drinking Dinner“ nicht fehlen – eine Ode an den Texaner, der das saftige Steak links liegen lässt und sich stattdessen mit einem kräftigen Schluck aus der Pulle vergnügt. Los Santos erzeugten die Illusion, als befinde man sich am Rio Grande und nicht an der Donau. Das lag auch an den genialen Coverversionen, mit denen Los Santos aus dem wilden einen milden Westen machten.