Konzert wird zur Hommage an den toten Bruder
Axel Wilhelm stellt Henrik Wilhelm in den Mittelpunkt
Mit Van Morrisson hat er schon mal in Lissabon kollegial einen Wein getrunken, und wenn er im Schuppen der Flussmeisterei auftritt, dann wähnt man sich in einem dieser düster-launigen Filme von David Lynch. Der „bekennende anonyme Rockstar“ Axel Wilhelm aus Urach gastierte wieder einmal am Jahnufer und wieder einmal machte er aus dem Konzert ein ganz spezielles Ding.
Das hatte einen tragischen Anlass, denn sein nicht minder kreativer Bruder Henrik Wilhelm, ein in Neu-Ulm lebender Multikünstler, war urplötzlich im Frühjahr dieses Jahres den Sekundentod gestorben und hat bis heute in der regionalen Subkulturszene eine schmerzhafte Lücke hinterlassen, die der Bruder mit einem Andenken für den Moment eines Abends schließen wollte. Also las er vor dem Konzert aus dem autobiografisch angehauchten Hörbuch „Der Tag, die Nacht und der ganze Quatsch dazwischen“ von Henrik Wilhelm vor, dass die Zuschauer mit starkem Tobak auf Trab brachte und stark an den amerikanischen Dichter Charles Bukowski erinnerte.
Dann ging die Hommage an den 48-jährigen Henrik Wilhelm weiter, indem er seinen Gitarristen und Kompositionen des Bruders vorstellte, der nach dem gleichen Motto wie er lebte: jede Sekunde ein Leben. Das drückt sich auch im Namen des Pop-Duos aus, das sich „The Burning Seconds“ nennt und seine Stärken hat, wenn die Musiker Lou Reed adaptieren. Der Gitarrist Christian Ochsenreiter im Hintergrund und Axel Wilhelm, mit Sonnenbrille, gegeltem Haar und die Zigarette im Mundwinkel am Mikrofon wirkten, als seien sie den Siebziger Jahren entsprungen.
Eine Handvoll Freunde des nostalgischen Pop-Duos genossen das Konzert, das auch mit eigenen Liedern des Uracher Sängers bestückt war, wo er einiges von sich, seinen Lieben und seiner überstandener Krebskrankheit erzählt. Seine makaber-ironische Bilanz: „Mein Leben, das ist ein Hoden, das waren zwei Frauen und das sind drei minderjährige Kinder, für die ich mit Harz IV aufkommen muss.“ Den Spaß an hintergründiger Musik hat das Schicksal ihm nicht verdorben, und er lebte jede Sekunde weiter, den geliebten Bruder und Künstlergenossen nie vergessend. (bh)